Tränen der Befreiung in Peru

Tränen der Befreiung in Peru

Tränen der Befreiung in Peru

~ Wahrhaftiges Loslassen in der Schwitzhütte ~

In Peru ist sowieso alles magisch. Die ganze Zeit. Jeder Weitblick, jeder Windhauch im Gesicht, jeder Sonnenstrahl auf der Haut fühlt sich mystisch und von einem tieferen Sinn durchdrungen an. Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über Perus besondere Magie.

„Erst, als ich das Mantrasingen entdeckte, wurde ich so richtig frei“ schreibe ich auf meiner Webseite. Dies ist der Ort, wo diese Entdeckung stattgefunden hat: Peru, 2018, YogalehrerInnenausbildung ~ ich hatte keine Ahnung wie sehr diese drei Wochen mein Leben verändern würden. Eine unendlich interessante und für immer andauernde Reise begann:

Der Weg zu Mir

Einfach unglaublich:

Munay Sonqo ~ Yoga Retreat Center

Seit zwei Wochen lebte ich hier in genau diesem Haus oben auf dem Bild. Mit den heiligen „Apus“, den hohen Bergen im Hintergrund. Umgeben von dem wunderschönsten Garten, den ich bis heute jemals sah. Ein wahrer Ort der Heilung. Und eines Abends gab es ein Schwitzhüttenritual, an dem ich aus Neugierde teilnahm…

Abends halb sechs in Peru

 

Am Abend der Schwitzhütte saßen wir anfänglich alle noch aufgeregt da, nur mit unseren kleinen Handtüchern bedeckt. Scham machte sich vor der aus Ästen und Alpakadecken gebauten Hütte ein wenig breit. Die rustikale Schwitzhüttenkonstruktion sah aus wie ein Iglu, nur, dass es im Inneren sehr heiß wurde, anstatt eisig. Die Schwelle zu dem kleinen Eingang, der aus einem herunterhängenden dicken Tuch bestand, betrat man mit einem Gebet.

Ein letzter, vertrauensvoller Blick zu Taki, der dieses Ritual anleiten sollte, bevor ich eintrat. Er ist ein eher kleingewachsener Mann für deutsche Verhältnisse, aber durchschnittlich groß in Peru. Er hat dunklere Haut und schwarzes Haar mit ein paar Dreadlocks. Sein Blick ist warm und weich. Zugleich strahlt er etwas robustes, naturnahes, wildes aus, etwas organisches. Ich habe ihn nie mit Schuhen gesehen. Oder mit einem Handy. Obwohl er vermutlich gerade mal ein paar Jahre älter war als ich. Ich schätzte ihn auf Mitte/Ende Dreißig, ein junger Kerl also, der unterhalb der Retreat Anlage lebte und sich kaum unter das “Volk” mischte, welches hauptsächlich aus hübschen, amerikanischen und europäischen Yogi-Mädels bestand. Er hatte etwas sinnlich-in-sich-gekehrtes und strahlte eine besondere Ruhe aus. Irgendwie sah er sofort durch einen hindurch und auf seltsame Weise führte das zu einer tiefen Vertrautheit.

Es geht los

 

Ich kniete mich vor dem Alpaka-Vorhang nieder und dachte daran, dass mein Handtuch viel zu kurz sei. Es war früher Abend und schon dämmerig, aber immer noch recht hell. Ich verneigte mich trotzdem vor Mutter Natur, “schließlich hatte sie mich genau so nackt geschaffen, auch, wenn die Hälfte jetzt rausguckt”, dachte ich mir. Ich sprach ein kurzes Dankesgebet und nahm dabei die Hände in Gebetshaltung zur Stirn. Dann brachte ich meine Stirn zum erdigen Boden und legte beide Handflächen mit gespreizten Fingern neben meine Schläfen. Als würde ich mit meinen Fingern so viel von Pacha Mama (Mutter Erde) wie nur möglich in mich aufnehmen wollen.

Schließlich betrat ich den dunklen Kreis mit dem Erdloch in der Mitte. Nacheinander durchliefen wir dieses Ritual des Eintretens, eine/r nach dem/der anderen, ganz ohne Hastigkeit. Im Uhrzeigersinn setzten wir uns auf den kleinen Ring, der aus Erde am Rand entlang gebaut war.

Heiss – heisser – Heilung

 

Dann ließen wir den „hombre del fuego“ (den Mann des Feuers) hochleben, der ca. 2 Meter neben dem Eingang bereits ein riesiges Feuer am laufen hatte und schon bevor es richtig los ging, sehr schwitzte. Wir bejubelten ihn mit Trommelschlägen und Rasseln. Er nahm unseren Lobesgesang dankend entgegen und dennoch hatte ich das Gefühl, dass es ihm ein bisschen unangenehm war im Mittelpunkt zu stehen. Er war ein wichtiger Teil der Zeremonie: Er glühte die 24 peruanischen Vulkansteine, die „abuelitas“ (Großmütter), in seinem Riesenfeuer für uns vor. Es gab vier Runden, in denen je 6 abuelitas in die Mitte unserer Hütte geschaufelt wurden. Eine Runde dauerte ca. 30-40 Minuten.

Ich hatte großen Respekt vor der Hitze, die mich erwartete. Bedenken, ob mein Kreislauf durchhalten würde. Und gleichzeitig war da diese unbändige Neugierde und die Aufregung. Schließlich wusste ich gar nicht genau, was jetzt gleich passieren würde.

Taki, der die Zeremonie mit unglaublicher Hingabe anleitete, kam als Letzter rein. Wir begrüßten die ersten 6 abuelitas jeweils mit „Bienvenida abueliata“, Herzlich wilkommen Großmutter. Dabei begann Taki allmählich Rhythmen auf seiner Trommel zu spielen. Als die ersten Steine vollzählig angekommen waren und die Temperatur bereits deutlich spürbar angestiegen war, schloss der hombre del fuego den Eingang mit den dicken Alpakadecken. Es war Stockfinster und nur ein Glühen der Lavasteine war zu erkennen.

WENN ES EIN KÖRPERLICHES EMPFINDEN

FÜR GEISTIGE BEFREIUNG GIBT,

DANN WAR ES FÜR MICH GENAU DAS

Der Sound der Seele

 

Um Takis Trommelschlagen schmiegte sich allmählich seine Stimme. Seine Freundin und Jimena, die so etwas wie die spirituelle Leiterin der Retreat-Anlage war, kannten die spanischen Mantras und stimmten mit ihren Engelsstimmen ein. Schnell konnten auch wir folgen. Unser heiliger Kreis, dieser geschützte, vertraute Raum von Menschen, mit denen ich in den letzten zwei Wochen tiefer reiste, als je zuvor, zerschmolz zu einer magischen Masse aus Rhythmus. Wir rasselten und sangen. Atmeten tief ein und aus, durch die Hitze hindurch.

Runde 2

 

Der Luftzug tat unendlich gut, als der hombre del fuego die Decken vor dem Eingangsloch kurz hochhob, um uns die Schaufel mit der nächsten abuelita entgegen zu strecken und sie sanft zu den anderen in unsere Mitte zu legen. Sechs Mal riefen wir wieder “bienvenida abuelita”.

Und wieder prallten neue Melodien und neue, wunderschöne spanische Wörter auf meine Seele ein. Die Lieder beschrieben Mutter Erde, wie wir zu ihr gehören, alle verbunden sind. Wie sie uns nährt. Es ging um die Elemente, Feuer, Wasser, Erde, Luft. Um den Äther. Um das Herz. Wir sangen von der Liebe. Teilweise verstand ich den Text auch gar nicht richtig, sondern ließ mich einfach mitreißen.

Ab jetzt kann ich nur verschwommen wieder geben was genau geschah. Es ist mir wichtig zu erwähnen, dass keinerlei Drogen zu dieser Zeremonie gehörten. Alles, was mich in eine Art Trance versetzte war die Hitze, die Musik und meine Atmung.

Unser Gesang als Gruppe wurde immer Lauter. Wir blieben bei einer Melodie, die sich gut anfühlte. Taki rief ein Wort in die Runde. Ich weiß nicht mehr was. Etwas wie Mitgefühl oder Verbundenheit. Wir bewegten inzwischen alle unsere verschwitzten Körper im Sitzen, soweit es der Platz zuließ.

Wir waren ca. 15 Menschen in einer kreisrunden Hütte mit vielleicht 3 Meter Durchmesser. Der Schweiß der anderen war mir inzwischen egal und mein eigener auch. Ich summte und sang weiter zu den Trommelschlägen. Jemand anderes aus unserem Kreis rief nun plötzlich auch ein Wort in die Mitte und es entstand ein Lied aus Takis Melodie und Mut machenden, befreienden Worten, die mit Leib und Seele herausgerufen wurden. Und irgendwann erreichte dieses Lied, das sich wie von selbst bildete, eine Art Höhepunkt, an dem alle Trommeln allmählich lauter wurden, alle Stimmen lauter sangen und es richtig heiß wurde.

Befreiung

 

Plötzlich spürte ich, wie Tränen meine Wangen kühlten. Wie mein Herz laut pochte

 

Wie etwas in mir schreien wollte. Ich spürte, wie ein Gefühl durch die Tränen meiner Augen nach draußen wollte. Und ich ließ ihm freien Lauf. Ich heulte laut, schluchzte und schnappte nach Luft. Ich weiß nicht für wie lange, aber es war solange wie es brauchte. Mein lautes Jauchzen ging in den singenden Stimmen und der Musik der anderen komplett unter. Aber darüber machte ich mir in diesem Moment keine Gedanken. Ich ließ es einfach geschehen. Ich ließ alles los. Sogar mein Handtuch. Ich kann mich nicht erinnern, wann oder ob ich jemals bewusst so schlimm geweint habe. Und da war nicht nur Befreiung. Da war auch etwas Dunkles, etwas sehr Schmerzhaftes. Da war ein Schatten, den ich von innen an die Oberfläche ließ.

Die Hitze blieb zu meinem Erstaunen auch in der dritten Runde erträglich. Ich hatte noch genug Puste, um weiter zu singen und mich zu bewegen. Ich nahm wahr, wie meine Stimme nun das verzweifelte Rufen, laute Lachen oder leise Weinen manch anderer übertönte. Und ich dachte mir nur „Ja, lass alles raus, schäme dich nicht“. Inzwischen hatte auch niemand mehr sein Handtuch um. Und wenn wir uns zur Musik bewegten berührten sich unsere nassen Körper. So what. Wir hingen aneinander, nahmen auch mal die Hand des/der anderen oder veränderten die Sitzposition. Wir saßen einfach alle so da, so wie Pacha Mama uns gemacht hatte: Frei, verbunden, nackt, mit offenem Herzen und zu tiefst berührt. Auch in der vierten Runde.

Die Musik erlosch sanft. Und der hombre del fuego hob das Tuch vor dem Eingang hoch. Ein herrlich kühler Luftzug dran ins Innere. Wieder im Uhrzeigersinn verließen wir langsam, eine/r nach dem/der anderen, die Hütte.

Mit einem Eimer schütteten wir kaltes Andenwasser aus dem Bach, der direkt neben der Schwitzhütte verlief über unsere Köpfe. Wir standen unter dem leuchtenden, glasklaren Sternenhimmel mitten in Peru. Jetzt war definitiv alles weggespült, was mir nicht mehr länger diente. Zumindest alles, was sich an diesem Abend an die Oberfläche wagte. Ich fühlte mich großartig. Befreit. Erleichtert. Erfüllt von Freude.

Ich fand an diesem Abend meine Stimme. ICH war richtig laut und es war nicht wichtig, wie es klang. Das Mantrasingen, das Rufen der Worte, die Trommeln – es wirkte unendlich befreiend auf mich.

Ich glaube heute, dass ich innerlich an diesem Abend beschloss, ab jetzt meine Wahrheit zu sprechen und nach dieser zu leben. Was konkret bedeutete, dass ich wenige Wochen später meinen Job kündigte, einen Straßenhund adoptierte, jetzt – 2 Jahre später – als Yogalehrerin das Harmonium spiele und mich traue, vor Menschen zu singen.

Dass ich den Weg zum Bhakti-Yoga über das Singen gefunden habe und nun den Weg des Herzens gehe.

 

Und wenn mir heute mal die Tränen kommen, versuche ich mich daran zu erinnern, dass sie ein wertvolles Sprachrohr meines tiefsten Inneren sind und ich sie hören möchte. Wir alle haben Wunden. Und wir können dankbar sein, wenn sich diese von innen nach außen bewegen, um Heilung zu erfahren. Auch, wenn es zunächst beängstigend ist. Etwas loszulassen, sich frei zumachen von einem Gedanken, Glaubenssatz und dem, was wir nicht länger sind oder brauchen, ist etwas, das mich dieses Erlebnis gelehrt hat.

~ Mögen alle Lebewesen überall glücklich und frei sein ~

Deine Jessica

Die Essenz unserer Retreats & Events liegt darin, dir Wege in dein Leuchten vorzuschlagen. Es sind Wege der Heilung, der Befreiung, der Selbstliebe und der Persönlichkeitsentwicklung in einem yoga-basierten Rahmen.

Munay Sonqo: http://munaysonqo.com/

Fotos © Munay Soqo, © pexels

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